Eine Kneipenstory  [ von John F. Ziege ]

1-
Wer geht schon in eine Kneipe, die sich am Eingang nur mit Mühe, nur ganz spärlich zu erkennen gibt, als hätte sie was zu verbergen. Keine grelle Bierwerbung, auf die sonst kein Kneiper verzichtet, kein anderer Hinweis, der ins Auge fällt. Auf der Fensterscheibe aber dann doch eine klare Aussage, klein aber gut leserlich steht da "KNEIPE 5 ZIEGEN fast in alter Schönheit". Damals sah ich durch die Scheibe einen leeren Raum. Da wollen wohl doch Leute unter sich bleiben, dachte ich mir, eine Einladung da hineinzugehen konnte ich nicht entdecken, ging weiter und vergaß diese Bewegung in die richtige Richtung gleich wieder. Eines schönen Tages fiel mir auf der Straße eine Frau nach meinem Geschamck ins Auge, ich bewunderte ihren Gang und da ich alle Zeit der Welt hatte, ging ich ihr ein bißchen nach. Das dauerte eine ganze Minute, ich mochte zu ihrem Gang auch ihr kurzes Haar, und schon war sie weg. Wieder stand ich vor dieser schmutzigen Fensterscheibe, was in aller Welt heißt denn "5 Ziegen", dachte ich zum zweiten Mal in meinem Leben. Tiernamen kannte ich schon bei Kneipen, Torpedokäfer, Krähe und so, andere nennen ihre Kneipe Stahlrohr oder Briefe an Felice. Aber was denn zum Teufel heißt hier 5 Ziegen, wer denkt sich denn so einen Schwachsinn aus. Aber die Schöne ist da hineingegangen, ist das vielleicht ein Lesbenclub?! Was soll schon sein, ein paar strenge Blicke und ich bin verschwunden, jeder kann sich mal verirren, mich wird schon keiner hauen, ich krieg schon mit, wenn ich hier falsch bin und so weiter, und vielleicht gefällt mir ja nicht nur ihr Gang, sondern auch ihr Sitz, und ich hab eh nichts zu tun. Und ich durchquerte den leeren Raum und dann begann das große Staunen. Ich erfaßte drei wohnzimmergroße Räume, dunkel im Kerzenschein, getrennt durch Wände mit Durchbrüchen, große runde zusammengetrödelte Holztische, Sofaecken und Stühle, ganz hinten im letzten Raum die Bar. Alles was so eine Kneipe in sich hat. Und dennoch spürte ich, daß hier irgendetwas ganz anders ist und ich kann bis heute nicht sagen, was mich im ersten Moment so gefangen nahm. Vielleicht waren es die Wände, im ersten Raum blau, im nächsten dunkles Rot, im letzten Ocker, aber nein, es waren keine Einzelheiten. Ich empfand eine herrliche Komposition, ich empfand einen Charme, eine Gemütlichkeit, eine Atmosphäre, welche in mir etwas Angenehmes weckte, und ich wußte, wenn ich hier zugelassen werde, bin ich hier Stammgast. Mein damaliges Stammcafé verlodderte zunehmend, ich war reif für einen Wechsel und im Angesicht dieser wundervollen Welt vergaß ich die Schöne mit dem kurzen Haar.

Nun war es an der Zeit zu schauen, was hier so passiert, und ich nahm an, daß es nicht verkehrt sein dürfte, ein Bier am Tresen zu bestellen. Ein paar Leute saßen dort beieinander, alle sehr vertraut miteinander, aber der Wirt riß sich sofort aus der Unterhaltung, fragte "Radeberger Wernesgrüner Jever Premier oder auch Weizen", und ich sagte "Radeberger". Er fragte, ob er´s aufschreiben solle oder ob ich gleich bezahlen will. Ich sagte aufschreiben und schwups hatte ich ´ne Flasche in der Hand. Der Wirt redete schon wieder aufgeregt auf den kleinen Haufen ein, meinen Vornamen hatte er notiert und ansonsten nahm niemand Notiz von mir. Offensichtlich war ich hier richtig. Nun hatte ich Zeit anzukommen. Ich zog mich etwas zurück auf einen Barhocker am Durchbruch zu dem dunkelroten Raum, wo ich mich gut umsehen konnte. Es waren so 10 Leute da, die sich unauffällig unterhielten, die Schöne mit dem kurzen Haar, ach ja, da war doch noch was, saß an einem Tisch vor einem Spiegel in diesem Kerzenschein mit einer schrecklichen Gestalt, welche ihr Händchen hielt. Auf der einen Seite ging ein Fenster zum Hinterhof hinaus, gegenüber war über die gesamte Fläche hinweg dezent mit schwarzem Pinsel ein berühmter Dalí hingezaubert, unaufdringlich, so daß man das durchaus übersehen kann, aber sehen kann man es auch, und so hatte ich erstmal eine unverfängliche Beschäftigung. Irgendwann werde ich mich hier auch unterhalten können, dachte ich, bis dahin komme ich auch ganz gut allein zurecht. Auch das große Schachbrett hatte ich schon gesehen, wird es mal benutzt, misch ich mich schon ein.

Der Wirt mit Basecap und Dreitagebart sah aus wie weit über 30 und redet gerade was sehr erfreuliches über LSD, und natürlich ist sonst niemand da, der das gefährliche Zeugs nehmen würde, und dieser Bursche weiß auch, daß er den Sinn dieser Sache niemandem wirklich erklären kann. Ich freue mich, hier einen Acidhead zu wissen, dem ich eines Tages auf den Zahn fühlen kann. Die Anderen scheinen zu studieren, denn es gibt Diskussionen mit Argumenten und Dingen, die gar nicht stimmen, und es gibt jede Menge Gewißheiten. Gelernt ist eben gelernt. Ich kann zuhören und ich kann´s lassen, mit jedem Bier war ich richtiger hier. Es wurde allmählich voll, es wurde allmählich auch eng. Diese Kneipe war auch nicht so eine übliche Männerdomäne. Frauen waren einzeln oder auch in Rudeln da, ich war fremd unter all diesen Leuten, fühlte mich jedoch ganz gut zu Hause. Die Schöne mit den kurzen Haaren war lange gegangen, ob sie den richtigen Freund gefunden hat, kann ich nicht sagen, mir hat sie die richtige Kneipe gezeigt.
Ich ging an diesem Tag kurz vor dem Wirt und dachte mir auf dem Heimweg einen Titel für den Abend aus, was ich seit dem immer wieder tue. Dieser Abend hieß "Salvatore Dalí´s Stadt der Frauen oder wie ich meine neue Stammkneipe entdeckte".

Ein Musiker sang einmal "Erinnerungen sind dafür da, daß man sich im Alter daran wärmen kann...". Ich bin nicht alt geworden, ich bin in einer alten Brauerei in einen riesigen Bierbottich gefallen, hab da genüßlich ein paar Runden gedreht, hab dort vor dem Einschlafen vergessen, wieder ´rauszusteigen. Ich bin jetzt auf einer Wolke mit einer Schreibmaschine, die hatte ich mir in meinem letzten Traum wohl noch gewünscht. Auf der Nachbarwolke steht eine Staffelei, der will noch ein Bild fertig malen. Hier sind ´ne Menge Wolken, alle mit einem gehörigen Abstand zueinander. Ich kann hier ein Klavier erkennen, dort ein Bett, auf jeder Wolke ist jemand mit irgendwas beschäftigt, aber sobald ich versuche mich aufzurichten, und zu einem Winke-Winke-Gruß ansetze, verhüllt mich ein dichter Nebel. Es gibt also nur noch diese Schreibmaschine, mit diesem Zettel daneben. Jedes Wort, das ich las, verschwand im selben Augenblick - "Wie diese Worte werden auch die lesenden Augen von hier verschwinden. Dies ist eine Station auf dem Weg in eine andere Welt, in die Welt, eingerichtet für die Schwachen. Gezeichnet: GNADE." Jippie, ich kann mich hier ganz langsam auflösen, ich bin mit mir allein, bis die Erinnerung schwindet, erst dann bin ich nicht mehr. Nun, dann gehe ich eben wieder in die 5 Ziegen.

-2-
Nein, ich ging in die 5 Ziegen, ich ging auf den selben Hocker am Durchbruch, durch den hindurch zwei Kerle Schach spielten. Sonst war niemand da. Ich war also fast pünktlich. Ich versuchte beim Zuschauen herauszufinden, ob das meine Liga ist. Für mich gibt´s nur drei Spielstärken, klar- besser als ich, klar- schlechter als ich, oder ich spiele gerne mal mit. Ich sah, daß die weiße Dame nur drei Felder hat, wenn sie vom Läufer angegriffen wird, und anschließend von Bauer und Springer vollends in die Ecke getrieben werden kann. Ich überlegte mit Weiß, wie das Unheil verhindert werden könnte. Der Wirt freute sich anerkennend, daß ich so schnell ein zweites Bier haben will - "Endlich mal jemand, der meinen Rythmus mitmacht", sagte er. Mehr Felder sind für die Dame nicht zu haben, dachte ich, also muß Weiß sich einen anderen Vorteil suchen, gut sieht das nicht aus. Van Morrison macht die Musik zum Spiel. Schwarz bringt jetzt natürlich den Läufer, aber Weiß zögert gar nicht, die Dame da stehen zu lassen, er verdoppelt einfach die Türme auf einer offenen Linie. Wozu denn die Dame, sagt er sich, ich trete hier drüben zur Vernichtung an und ich schaue, ob er es schaffen kann. Eine sehr kräftige Dame kam herein, die läßt sich bestimmt nicht so leicht wegnehmen, man grüßt sich, man kennt sich, immer spiel´n die Schach, meinte sie; unterhalten kann man sich ja auch am Telefon, sagte ich, hatte so also meinen ersten Lacher, wurde ja auch Zeit, daß ich hier nicht nur Jacke und Hose war, ich wohnte jetzt schließlich auch hier. Schwarz analysiert die Lage und entdeckt das unabwendbare Matt kurz nachdem ich es auch gesehen hab. Du Gurke, Du Penner und solche Sprüche; ein neues Spiel. Das sind die Gegner für mich, dachte ich. Aber heute noch nicht, ich wandte mich lieber an den Wirt. Auch auf die Gefahr hin, der tausendste Frager zu sein, fragte ich ihn nach der Bedeutung des Namens dieser Kneipe, da muß er durch. Er hätte sich ja auch was einfacheres einfallen lassen können, dachte ich mir, und bekam zur Antwort, daß andere Kneipen auch Tiernamen haben, nur keiner sagt wieviele Krähen, Katzen oder Löwen. "Ich aber sage 5. Ich möchte nicht, daß so eine kleine Ziege so alleine ist". Diese Antwort gefiel mir, ich hatte den Eindruck, daß er an einem anderen Abend oder einem anderen Menschen etwas anderes erzählt, denn jede Unterhaltung stirbt an der Wiederholung.
Ein Pärchen gesellt sich zum Tresen, es bekam das Bier hingeknallt, ohne auch nur den Hauch einer Bestellung angedeutet zu haben, nur wenige Leute müssen hier vorne gefragt werden. Ich überlegte, wann der Wirt mich auch nicht mehr fragen würde. ich ernähre mich hauptsächlich von Radeberger.

Auf der Wolke hier ist auch Essen und Schlafen nur Erinnerung. Ich bin schon fast nichts mehr, kein körperliches Verlangen, keine Unterhaltung, keine Wünsche, nichts was mich ausmacht, ist noch, ich definiere mich ausschließlich über die Erinnerung. Ich erinnere und erinnere und erinnere und wenn alles erinnert ist,dann denke ich und dann erinnere ich mich anders,aber die Fähigkeit zu denken verliere ich langsam ,die Wolkengesetze unterdrücken das Denken, sie lassen nur das Erinnern zu, bis es zu Wiederholungen kommt, und kein Mensch kann ewig die selbe Erinnerung aushalten. Dann löst sich alles auf. Und was nach der Auflösung kommen mag, entzieht sich meiner Erinnerung,also erinnere ich mich meiner Stammkneipe, mit samt den Überlegungen ,die ich dort anstellte.

Oberflächlich betrachtet bin ich häufig dem selben Bild begegnet ,es saßen die selben Leute in möglicherweise derselben Anordnung am Tresen, Stammkneipen sind eben so, aber so wie wir nicht in den selben Fluß springen, so war auch ich nicht derselbe wie gestern und so war es die Familie nicht. Doch wir erkannten uns immer wieder und so sagten wir Guten Abend, Schnauze Dackel und ach du Scheiße. Wir erkannten uns am Aussehen, am Ausdruck, an der Stimme und je öfter wir uns erkannten, desto vertrauter wurden wir uns.Der Wirt erzählte mir, daß er die meisten Leute ohne sie zu sehen schon am Schritt erkannte ,tap tap sagt der Fußboden, wenn jemand drüber geht, das Leben ist Wahrnehmung. Als ich in die Welt hineinwuchs hatte ich ja keine Ahnung, daß die Wahrnehmung Anderer einfach die Wahrnehmung Anderer ist. Diktatorisch erwartete ich von der Welt, daß sie die Dinge so sieht wie ich. Ich wußte nicht , daß meine Wahrnehmung einfach nur meine Wahrnehmung ist. Als ich das langsam wahr nahm,nahm ich das langsam für wahr und die Kommunikation wurde für mich spannender, denn andere Leute sehen die selben Dinge anders als ich. Die Sehnsucht nach Leuten, die die Dinge so sehen wie ich, blieb noch ein Weilchen, aber das starke "WIESODENNBLOß?" beruhigte mich so langsam. Ich nahm mir das starke "WIESODENNBLOß?" immer dann zu Hilfe, wenn ich traurig war, und wenn ich keine Gründe fand, dann lautete die richtige Antwort "Das ist eben so." Und wenn das eben so war, dann ging ich eben in die Kneipe und trank kiloweise Bier und spielte Schach und unterhielt mich mit den Leuten,in guten wie in schlechten Zeiten. Damals nannte ich  die Leute bei ihrem herkömmlichen Namen, hier auf der Wolke kann ich es mir locker leisten, ihnen Tiernamen zu geben.

Fröschin kam herein und fragte mich ,ob ich Lust auf ein Back Gammon habe. In meiner kneipenphilosophischen Art sagte ich, daß aus Leuten aus der Nähe betrachtet konkrete Personen werden und manche dieser konkreten Person mir das Gefühl vermitteln, ein Freund zu sein, ob sie das wollen oder nicht und sie sagte, dann laß uns doch ein bißchen Back Gammon spielen und als ich 3 zu 1 führte, drohte sie die Kneipe zu wechseln.

"Was machen wirn jetz?", sprachs,´n bißchen Kneipe, "trinken wir doch noch was" antwortete es. Überall spricht was, redet was, diskutiert was, erzählt was, ich hatte mir damals über solche Unterschiede Gedanken gemacht und überlegt,was ich meistens tue. Sprechen war klar, das ist Zunge und Stimmband, diskutieren wollte ich mir abgewöhnen, fiel aber im Suff häufig genug drauf rein, beim Skat sagte ich 18, ich konnte sagen was ich will, was ich habe, was ich meine, reden hing vom Redner ab und diskutieren vom Standpunkt,von dem aus jemand jemandem was aufdrücken will oder was lernen oder sich erklären, ich hing vom Bier ab und ich tat alles das, denn die Kneipe war zur Unterhaltung gedacht und die Unterhaltung stand und fiel mit mir und den Anderen, sie war gut oder schlecht, sie war aufregend oder ermüdend, sie war wie das richtige Leben, sie gehörte dazu wie das Bier und der Himmel. "Und was machen wir jetzt?" fragte die Fröschin und ich sagte "Och weißte was, wir könnten uns ja noch ein bißchen unterhalten". Und wenn einem zu zweit nichts einfällt, dann hinein in das Rudel an der Bar, da gab es Angebote in Massen. Da war die Politik, da war der neue Film, da war ein Witz, da war ein  fremder Zuhörer, da war eine Erzählung vom Vormittag und da war jemand, der vom Barhocker fällt- und die Merkel merkelte und der Psychologe war kein Beruf, sondern eine Diagnose und Pech war, wenn die Eintagsfliege am Geburtstag Bauchschmerzen hat und Paranoia, was ein geiles Wort, Paranoia Paranoia paranoid- wir sind alle irgendwie paranoid- bleib mal bei dir Alter- und diese ganze rot grüne Scheiße und ein Wirt der so abhängt, daß er sich mit Bier stärken muß und Eisern Union und Rot Weiß Essen und Scheiß TeBe und ach gib mir doch lieber ein Whisky und noch so´n Ding und du bist draußen und habt ihr schon gehört oder hast du mir das gesagt und hör mal hörmalalala und so kannste das nicht sehen und ich sehe was ich will, ich sehe was was du nicht siehst und ich wachte am nächste Tag auf und versuchte mich zu erinnern.Viel war es nicht aber es hatte mir Spaß gemacht.
 

[ ::: Fortsetzung folgt ::: ] [ ]

[ © Copyright 2000 by John F. Ziege, Berlin. Alle Rechte vorbehalten. ]
[ © All Rights reserved. ]

blank
[ Home ]