Eine Kneipenstory [ von John F. Ziege ]1-
Nun war es an der Zeit zu schauen, was hier so passiert, und ich nahm an, daß es nicht verkehrt sein dürfte, ein Bier am Tresen zu bestellen. Ein paar Leute saßen dort beieinander, alle sehr vertraut miteinander, aber der Wirt riß sich sofort aus der Unterhaltung, fragte "Radeberger Wernesgrüner Jever Premier oder auch Weizen", und ich sagte "Radeberger". Er fragte, ob er´s aufschreiben solle oder ob ich gleich bezahlen will. Ich sagte aufschreiben und schwups hatte ich ´ne Flasche in der Hand. Der Wirt redete schon wieder aufgeregt auf den kleinen Haufen ein, meinen Vornamen hatte er notiert und ansonsten nahm niemand Notiz von mir. Offensichtlich war ich hier richtig. Nun hatte ich Zeit anzukommen. Ich zog mich etwas zurück auf einen Barhocker am Durchbruch zu dem dunkelroten Raum, wo ich mich gut umsehen konnte. Es waren so 10 Leute da, die sich unauffällig unterhielten, die Schöne mit dem kurzen Haar, ach ja, da war doch noch was, saß an einem Tisch vor einem Spiegel in diesem Kerzenschein mit einer schrecklichen Gestalt, welche ihr Händchen hielt. Auf der einen Seite ging ein Fenster zum Hinterhof hinaus, gegenüber war über die gesamte Fläche hinweg dezent mit schwarzem Pinsel ein berühmter Dalí hingezaubert, unaufdringlich, so daß man das durchaus übersehen kann, aber sehen kann man es auch, und so hatte ich erstmal eine unverfängliche Beschäftigung. Irgendwann werde ich mich hier auch unterhalten können, dachte ich, bis dahin komme ich auch ganz gut allein zurecht. Auch das große Schachbrett hatte ich schon gesehen, wird es mal benutzt, misch ich mich schon ein. Der Wirt mit Basecap und Dreitagebart sah aus wie
weit über 30 und redet gerade was sehr erfreuliches über LSD,
und natürlich ist sonst niemand da, der das gefährliche Zeugs
nehmen würde, und dieser Bursche weiß auch, daß er den
Sinn dieser Sache niemandem wirklich erklären kann. Ich freue mich,
hier einen Acidhead zu wissen, dem ich eines Tages auf den Zahn fühlen
kann. Die Anderen scheinen zu studieren, denn es gibt Diskussionen mit
Argumenten und Dingen, die gar nicht stimmen, und es gibt jede Menge Gewißheiten.
Gelernt ist eben gelernt. Ich kann zuhören und ich kann´s lassen,
mit jedem Bier war ich richtiger hier. Es wurde allmählich voll, es
wurde allmählich auch eng. Diese Kneipe war auch nicht so eine übliche
Männerdomäne. Frauen waren einzeln oder auch in Rudeln da, ich
war fremd unter all diesen Leuten, fühlte mich jedoch ganz gut zu
Hause. Die Schöne mit den kurzen Haaren war lange gegangen, ob sie
den richtigen Freund gefunden hat, kann ich nicht sagen, mir hat sie die
richtige Kneipe gezeigt.
Ein Musiker sang einmal "Erinnerungen sind dafür da, daß man sich im Alter daran wärmen kann...". Ich bin nicht alt geworden, ich bin in einer alten Brauerei in einen riesigen Bierbottich gefallen, hab da genüßlich ein paar Runden gedreht, hab dort vor dem Einschlafen vergessen, wieder ´rauszusteigen. Ich bin jetzt auf einer Wolke mit einer Schreibmaschine, die hatte ich mir in meinem letzten Traum wohl noch gewünscht. Auf der Nachbarwolke steht eine Staffelei, der will noch ein Bild fertig malen. Hier sind ´ne Menge Wolken, alle mit einem gehörigen Abstand zueinander. Ich kann hier ein Klavier erkennen, dort ein Bett, auf jeder Wolke ist jemand mit irgendwas beschäftigt, aber sobald ich versuche mich aufzurichten, und zu einem Winke-Winke-Gruß ansetze, verhüllt mich ein dichter Nebel. Es gibt also nur noch diese Schreibmaschine, mit diesem Zettel daneben. Jedes Wort, das ich las, verschwand im selben Augenblick - "Wie diese Worte werden auch die lesenden Augen von hier verschwinden. Dies ist eine Station auf dem Weg in eine andere Welt, in die Welt, eingerichtet für die Schwachen. Gezeichnet: GNADE." Jippie, ich kann mich hier ganz langsam auflösen, ich bin mit mir allein, bis die Erinnerung schwindet, erst dann bin ich nicht mehr. Nun, dann gehe ich eben wieder in die 5 Ziegen. -2-
Auf der Wolke hier ist auch Essen und Schlafen nur Erinnerung. Ich bin schon fast nichts mehr, kein körperliches Verlangen, keine Unterhaltung, keine Wünsche, nichts was mich ausmacht, ist noch, ich definiere mich ausschließlich über die Erinnerung. Ich erinnere und erinnere und erinnere und wenn alles erinnert ist,dann denke ich und dann erinnere ich mich anders,aber die Fähigkeit zu denken verliere ich langsam ,die Wolkengesetze unterdrücken das Denken, sie lassen nur das Erinnern zu, bis es zu Wiederholungen kommt, und kein Mensch kann ewig die selbe Erinnerung aushalten. Dann löst sich alles auf. Und was nach der Auflösung kommen mag, entzieht sich meiner Erinnerung,also erinnere ich mich meiner Stammkneipe, mit samt den Überlegungen ,die ich dort anstellte. Oberflächlich betrachtet bin ich häufig dem selben Bild begegnet ,es saßen die selben Leute in möglicherweise derselben Anordnung am Tresen, Stammkneipen sind eben so, aber so wie wir nicht in den selben Fluß springen, so war auch ich nicht derselbe wie gestern und so war es die Familie nicht. Doch wir erkannten uns immer wieder und so sagten wir Guten Abend, Schnauze Dackel und ach du Scheiße. Wir erkannten uns am Aussehen, am Ausdruck, an der Stimme und je öfter wir uns erkannten, desto vertrauter wurden wir uns.Der Wirt erzählte mir, daß er die meisten Leute ohne sie zu sehen schon am Schritt erkannte ,tap tap sagt der Fußboden, wenn jemand drüber geht, das Leben ist Wahrnehmung. Als ich in die Welt hineinwuchs hatte ich ja keine Ahnung, daß die Wahrnehmung Anderer einfach die Wahrnehmung Anderer ist. Diktatorisch erwartete ich von der Welt, daß sie die Dinge so sieht wie ich. Ich wußte nicht , daß meine Wahrnehmung einfach nur meine Wahrnehmung ist. Als ich das langsam wahr nahm,nahm ich das langsam für wahr und die Kommunikation wurde für mich spannender, denn andere Leute sehen die selben Dinge anders als ich. Die Sehnsucht nach Leuten, die die Dinge so sehen wie ich, blieb noch ein Weilchen, aber das starke "WIESODENNBLOß?" beruhigte mich so langsam. Ich nahm mir das starke "WIESODENNBLOß?" immer dann zu Hilfe, wenn ich traurig war, und wenn ich keine Gründe fand, dann lautete die richtige Antwort "Das ist eben so." Und wenn das eben so war, dann ging ich eben in die Kneipe und trank kiloweise Bier und spielte Schach und unterhielt mich mit den Leuten,in guten wie in schlechten Zeiten. Damals nannte ich die Leute bei ihrem herkömmlichen Namen, hier auf der Wolke kann ich es mir locker leisten, ihnen Tiernamen zu geben. Fröschin kam herein und fragte mich ,ob ich Lust auf ein Back Gammon habe. In meiner kneipenphilosophischen Art sagte ich, daß aus Leuten aus der Nähe betrachtet konkrete Personen werden und manche dieser konkreten Person mir das Gefühl vermitteln, ein Freund zu sein, ob sie das wollen oder nicht und sie sagte, dann laß uns doch ein bißchen Back Gammon spielen und als ich 3 zu 1 führte, drohte sie die Kneipe zu wechseln. "Was machen wirn jetz?", sprachs,´n bißchen
Kneipe, "trinken wir doch noch was" antwortete es. Überall spricht
was, redet was, diskutiert was, erzählt was, ich hatte mir damals
über solche Unterschiede Gedanken gemacht und überlegt,was ich
meistens tue. Sprechen war klar, das ist Zunge und Stimmband, diskutieren
wollte ich mir abgewöhnen, fiel aber im Suff häufig genug drauf
rein, beim Skat sagte ich 18, ich konnte sagen was ich will, was ich habe,
was ich meine, reden hing vom Redner ab und diskutieren vom Standpunkt,von
dem aus jemand jemandem was aufdrücken will oder was lernen oder sich
erklären, ich hing vom Bier ab und ich tat alles das, denn die Kneipe
war zur Unterhaltung gedacht und die Unterhaltung stand und fiel mit mir
und den Anderen, sie war gut oder schlecht, sie war aufregend oder ermüdend,
sie war wie das richtige Leben, sie gehörte dazu wie das Bier und
der Himmel. "Und was machen wir jetzt?" fragte die Fröschin und ich
sagte "Och weißte was, wir könnten uns ja noch ein bißchen
unterhalten". Und wenn einem zu zweit nichts einfällt, dann hinein
in das Rudel an der Bar, da gab es Angebote in Massen. Da war die Politik,
da war der neue Film, da war ein Witz, da war ein fremder Zuhörer,
da war eine Erzählung vom Vormittag und da war jemand, der vom Barhocker
fällt- und die Merkel merkelte und der Psychologe war kein Beruf,
sondern eine Diagnose und Pech war, wenn die Eintagsfliege am Geburtstag
Bauchschmerzen hat und Paranoia, was ein geiles Wort, Paranoia Paranoia
paranoid- wir sind alle irgendwie paranoid- bleib mal bei dir Alter- und
diese ganze rot grüne Scheiße und ein Wirt der so abhängt,
daß er sich mit Bier stärken muß und Eisern Union und
Rot Weiß Essen und Scheiß TeBe und ach gib mir doch lieber
ein Whisky und noch so´n Ding und du bist draußen und habt
ihr schon gehört oder hast du mir das gesagt und hör mal hörmalalala
und so kannste das nicht sehen und ich sehe was ich will, ich sehe was
was du nicht siehst und ich wachte am nächste Tag auf und versuchte
mich zu erinnern.Viel war es nicht aber es hatte mir Spaß gemacht.
[ ::: Fortsetzung folgt ::: ] [ ] [ © Copyright 2000 by
John F. Ziege, Berlin. Alle Rechte vorbehalten. ]
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